Pay-per-Part: Trumpf revolutioniert die Blechbearbeitung

Es war einst Zukunftsmusik, was Trumpf und Munich Re heute wagen. Eine Vision, die keine mehr ist: Pay-per-Part. Ein Blick auf das disruptive Geschäftsmodell.

Zu Beginn war es reine Utopie. Und dann kam eine strategische Partnerschaft zweier Big Player am Markt, die alles veränderte. Trumpf und Munich Re haben ein Projekt geboren, das ein völlig neues Geschäftsmodell in sich birgt. Wer “Pay-per-Part" bezieht, zahlt nicht mehr für die Maschine, sondern nur noch für die Teile, die diese Maschine verlassen. Hat dieses Geschäftsmodell das Potenzial die produzierende Industrie grundlegend zu verändern? Wie funktioniert dieses Businessmodell? Kann Trumpf hier attraktive Margen beziehen? Und was macht “Pay per Part” anders als klassische Leasing-Modelle? 

Keine Investitionen notwendig

Industrieunternehmen stehen bei der Anschaffung einer neuen Laserschneidmaschine jeglichen Herstellers vor enormen Investitionskosten (CAPEX). Die Frage der Amortisation ist in jeder Budgetkalkulation Treiber einer finanziellen Magenverstimmung. Geht es nach Trumpf und Munich Re müssen sich diese Frage Einkäufer künftig nicht mehr stellen. Es erfolgt ein Wechsel hin zu betriebskosten-basierten (OPEX) Maschinenanschaffungen. Aber geht das überhaupt? Ja, meint Trumpf und präsentiert ein Leasingmodell.

Was bei Fahrzeugen schon lange praktiziert wird, hält nun auch Einzug in die produzierende Industrie. “Eine wahre Revolution”, heißt es aus den Ditzinger Maschinenbauhallen. Der Produktionsprozess wird auf die Anforderungen des Kunden zugeschnitten. Zugang zu einer vollautomatischen Laserschneidmaschine, einem Lagersystem und dem Produktions-Know-how von Trumpf ist im Leasing inkludiert. Um die Wartung der Anlagen, Service und die zu verwendenden Rohstoffe braucht man sich auch nicht mehr zu sorgen. Trumpf liefert sozusagen ein Rundum-Sorglos-Paket mit der Laserschneidmaschine gleich mit. 

 

© Trumpf Group
Laserschneiden an der TruLaser Cell 7040

Wer sind die Player dahinter?

Finanziert wird die Laserschneidmaschine von Munich Re, sie agiert als Business Enabler. Die Munich Re Gruppe trägt damit das Investitionsrisiko. Ein weiterer Player in dem Projekt: relayr, ein IOT-Dienstleister der Munich Re Gruppe. Relayr stellt die notwendigen Datenanalysen für das Finanzierungsmodell zur Verfügung. Dem Kunden wird eine Maschine von Trumpf geliefert, samt der für die Produktion benötigten Komponenten und dazugehöriger Software und Services zur Herstellung der Blechbauteile. Ein weiterer Partner: Klöckner & Co., eines der weltweit größten produzentenunabhängigen Unternehmen in der Stahldistribution, kommt als Entwicklungspartner für das Geschäftsmodell ins Spiel. 

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Mit dem Businessmodell möchte Kammüller auch neue Kunden gewinnen. 

Produktionsvolumen wird an die Nachfrage angepasst

Der Kunde erhält mit diesem Geschäftsmodell Zugriff auf die neuesten automatisierten Laserschneidtechnologien. Große Investitionen, adieu! Das Produktionsvolumen kann einfach an die Nachfrage angepasst werden. Munich Re plant zudem eine Leistungsgarantie. Diese soll die Kunden von Trumpf gegen die finanziellen Auswirkungen potenzieller Produktionsausfälle absichern. „Mit dieser Partnerschaft werden wir uns so deutlich wie noch nie in neue Geschäftsmodelle vorbewegen“, sagt Mathias Kammüller, Gruppengeschäftsführer und Chief Digital Officer von Trumpf. „Sie wird ein erster Schritt sein, um unseren Kunden als Alternative zu traditionellen Maschinenkäufen auch Fertigungskapazitäten ohne größere Vorinvestitionen zu ermöglichen. Zudem sind wir davon überzeugt, mit diesem Angebot nicht nur Bestandskunden beim Wachstum zu helfen, sondern auch neue Kunden zu gewinnen.“

Transformation der Geschäftsmodelle

„Wir freuen uns sehr, Anteil an dieser großen Partnerschaft zu haben“, fügt Josef Brunner, CEO von relayr, hinzu. „relayr stellt IoT-Infrastruktur zur Verfügung und ermöglicht umfassende Datenanalyse und Optimierung, worauf wiederum das Finanzierungs- und Garantiemodell des Projektes basiert. Für industrielle Unternehmen reicht es nicht mehr aus, gute Produkte herzustellen. Geschäftsmodelle müssen transformiert werden, um zukunftsfähig zu sein.“ Mithilfe von relayr können Hersteller, Betreiber und Dienstleistungsunternehmen für Industrieanlagen vollständig interoperable IIoT-Lösungen implementieren. 

Business-Modell für die Zukunft

Dass dieses Modell nicht nur eine Disruption, sondern auch eine Revolution darstellt, ist wohl vielen klar. Kunden begleichen für jedes geschnittene Blechteil des Laservollautomaten einen zuvor vereinbarten Preis. Auf diese Weise können sie ihre Produktion deutlich flexibilisieren und dynamischer auf Veränderungen im Marktumfeld reagieren. Insbesondere in Zeiten einer Krise, wie wir sie derzeit erleben, sind geringe bis keine Investitionskosten und Flexibilität oft entscheidend, ob ein Unternehmen am Markt weiterhin gewinnbringend agieren kann. Es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis andere Hersteller ihre Geschäftsmodelle überdenken. Die Partnerschaft von Munich Re und Trumpf steht noch unter dem Vorbehalt der Fusionskontrollfreigabe durch die zuständigen Behörden.

© Trumpf Group
Eine gezielte Kühlung des Werkstücks während des Schneidens ermöglicht neue Geometrien und erhöht die Prozesssicherheit bei der Bearbeitung von dickem Baustahl deutlich.

Text von Jasmin Ladinig, Teamlead Content Management