3. Dezember 2021

Wie nachhaltig kann der Maschinenbau sein?

Solarpaneele auf dem Dach der Produktionshalle sind ein guter Anfang. Doch da geht noch mehr. Zumindest, wenn man Nachhaltigkeit nicht nur mit „Grün“ gleichsetzt. Und wenn möglichst viele Player zusammenarbeiten.

So widerlegt man Klischees. Als die Wirtschaftskrise in der schwer getroffenen Automobilbranche zu teilweisen Produktionsstillständen führte, begann ein europäischer Hersteller seine zahlreichen Lieferanten finanziell mittels Supply-Chain-Finance-Programmen zu unterstützen, um sie über die Krise zu heben. Ausgerechnet die Branche, die im Ruf steht, mit Lieferanten nicht immer pfleglich umzugehen, brachte ein leuchtendes Beispiel für wirtschaftliche Nachhaltigkeit hervor.

Was ist Nachhaltigkeit? Drei Seiten einer Medaille

Dass „Nachhaltigkeit“ fast immer mit Ökologie assoziiert wird, wird dem Thema nicht gerecht. Das Dreieck aus Ökologie, Ökonomie und Sozialem bildet eine Einheit, die jedem der drei Aspekte nützen kann. Auch wenn sich bei einer kurzfristigen Betrachtung Zielkonflikte ergeben: Bei einer mittel- beziehungsweise langfristeigen Sichtweise ist davon auszugehen, dass der eine Aspekt schwächer ist ohne die beiden anderen.

Es sind gerade die kleinen, eigentümergeführten Maschinenbauer, die etwa soziale Nachhaltigkeit längst leben. Häufig ist dies fundamentaler Bestandteil der Konzeption der Eigentümerfamilien – eine Nachhaltigkeit, die oft gar nicht als solche definiert wird. „Wer die Mitarbeiter in der eigenen Region hat, will in der Gemeinde oder im Bezirk als guter Arbeitgeber wahrgenommen werden“, sagt Gerald Reiner.

Mehr als nur technologische Innovation

Gerald Reiner, Leiter des Instituts für Produktionsmanagement an der WU Wien, konzediert, dass ökologische Nachhaltigkeit auch stand-alone stattfinden kann. Natürlich gebe es immer wieder auch im Maschinenbau technologische Innovation, die dem Thema dient. Doch der Weg sei manchmal einfacher:

„Denken Sie etwa in Richtung Circular Economy! Im Recycling von Materialien liegt immer noch viel Potenzial – gerade auch für KMU. Oder auch im Schritt davor: Ältere Produkte zu reparieren oder aufzuarbeiten, führt ja letztlich auch zu größerer Unabhängigkeit etwa von Kostenschwankungen für Neumaterialien.“

Für einen grundlegenden Fehler hält er es jedoch, nur den internen Herstellungsprozess per se im Fokus zu haben. Betrachtet man hingegen die Supply Chains etwas ganzheitlicher, täten sich viel mehr Möglichkeiten auf. Wenngleich auch hier nicht die schnelle Lösung wartet.

Zur Person

Gerald Reiner ist Leiter des Instituts für Produktionsmanagement an der Wirtschaftsuniversität Wien.

Tipp: Professor Reiner wird im Zuge der Intertool 2022 an einem Panel zum Thema Nachhaltigkeit teilnehmen.

 

© WU Wien

It’s the Supply Chain, Stupid

Denn auf der Ebene der Supply Chains werden die drei Facetten der Nachhaltigkeit sehr sichtbar. Die Frage, wie die Partner in einer Kette miteinander agieren, hat massive ökonomische und soziale Implikationen. Was also, würden diese Supply Chains neu gedacht? Was, wenn die Verträge auch beinhalteten, sowohl Risiko als auch Ertrag fair zu sharen?

Was es dafür braucht

Voraussetzung dafür wäre ein fundamentales Umdenken. Gerald Reiner verweist auf den Ansatz der „Total Value Contribution“ als Weiterentwicklung des Total Cost of Ownership. Würden nicht nur die Kosten, sondern auch der Wert betrachtet, den ein Unternehmen für seine Kunden schafft, öffneten sich Türen auch zu innovativen Supply-Chain-Verträgen und völlig neuen Geschäftsmodellen.

„Nun könnte ein Lieferant sagen: Wir haben vielleicht nicht den günstigsten Preis, aber wir sind vor Ort, wir haben das Service, wir haben die Lösungskompetenz.“ Betriebsmittel würden vermehrt nicht einfach verkauft, sondern ihre Nutzung im Sinne eines „Product as a Service“ Modells bepreist beziehungsweise mittels Revenue-Sharing-Modellen Risiken und Erträge zwischen Lieferant und Produzent geteilt.

Politischer Druck mit Folgen

Die Awareness in der Branche steigt, das ist offensichtlich. Dass ein gewisser Druck hilfreich ist, ebenso. Ein Beispiel ist der politische Entschluss, dem Verbrennungsmotor ein Ablaufdatum zu verpassen und (zumindest zunächst) auf E-Mobilität zu setzen. Seit das Gewicht eines Kfz eine größere Rolle spielt, ist etwa Aluminium in der Automobilindustrie im Aufwind. Das äußerst kreislauffähige, aber relativ teure Material ist längst von der Luxus- in die Mittelklasse gewandert.

Einen ähnlichen Effekt könnte das in Deutschland in Kraft getretene Lieferkettengesetz haben. Das zwingt zwar a priori nur große Unternehmen, ökologische und soziale Probleme in ihrer Supply Chain zu identifizieren und zu eliminieren – dass diese Anforderungen an die Lieferanten weitergereicht werden wird, ist aber klar.

Wer ist hier der Chef?

Und die Konsumenten? Aus dem B2C-Bereich gibt es ein beeindruckendes Beispiel, welchen Einfluss sie nehmen können. Die französische Konsumenten-Initiative „C‘est qui le Patron ?!“ hat vor Jahren massiv eingefordert, fair erzeugte Milch im Handel sehen zu wollen. Das Bemerkenswerte daran: Die Initiative definierte nicht nur das Produkt, sondern auch die Frage, welche Partner in der Wertschöpfungskette welchen Anteil am Ertrag bekommen sollten. Was top-down immer wieder gescheitert war, führte tatsächlich zum Erfolg: Handelsriese Carrefour hat das Produkt gelistet.

Transparenz als kritischer Faktor

Dass Milch ein etwas simpleres Produkt ist als Maschinen und Anlagen, ist klar. Dennoch sieht Gerald Rainer hier eine Chance auch im Maschinenbau: „Man kann die Verantwortung nicht komplett an die Konsumenten delegieren. Aber warum sollte derartiges nicht auch zum Beispiel in der Automobilindustrie funktionieren? Ich denke, der kritische Faktor ist auch hier die Transparenz.“

Tipping Points

Dass der Weg zu einer neuen Form der Kooperation ein steiniger ist, liegt auf der Hand. Nicht zuletzt hat er auch ein neues Denken im Controlling oder auch bei Finanzdienstleistern zur Voraussetzung.

Gerald Rainer ist dennoch verhalten optimistisch – und bemüht einen Begriff aus der Klimatologie: „Es geht um Tipping Points. Wenn die ‚richtigen‘ Player in der Supply Chain mitspielen, erreicht man irgendwann einen Punkt, an dem das System kippt. Dann funktioniert es, und zwar auch im Bereich von B2B. Wer es schafft, seine Partner in der Supply Chain von einem solchen Ansatz zu überzeugen, wer damit eine gemeinsame Bewegung auslöst, der kann der Nachhaltigkeit enormen Schub verleihen.“

Dass Solarpaneele auf dem Dach der Produktionshalle eine gute Idee sind, bleibt davon natürlich unberührt.

Bernhard Fragner