25. April 2022

„Greenwashing rächt sich letztlich immer“

Was bedeutet Nachhaltigkeit im mittelständischen Maschinenbau? Und was hat das Thema mit Digitalisierung und dem Arbeitskräftemangel zu tun? Gerhard Melcher, Leiter Vertrieb Zerspanung und Marketing bei Boehlerit, im Gespräch.

Herr Melcher, zu den drängenden Themen der Industrie gehört der Fachkräftemangel. Wie geht es denn Boehlerit damit?

Gerhard Melcher: Mitarbeiter sind eine Ressource, um die wir hier in der Region Kapfenberg wirklich kämpfen müssen. Und da geht es nicht nur um Facharbeiter: Wir haben auch Probleme, unser Kontingent für Lehrlinge zu füllen, obwohl wir gemeinsam mit der Voestalpine eine hervorragende Lehrlingsausbildung anbieten. Das Problem beginnt also bei den Lehrlingen und geht über die Facharbeiter bis hin zu Absolventen von HTL, Universitäten oder Fachhochschulen. Für uns ist das ein Frage der Nachhaltigkeit: Wir sind ein familiengeführtes, mittelständisches Unternehmen, und unsere Eigentümerin denkt nachhaltig. Mitarbeiter sind auch aus dieser Warte ein zentraler Aspekt.

 

Auch der Druck, Mitarbeiter zu halten, ist gestiegen?

Melcher: Ja, genau da beginnt es. Wir sind ja in der glücklichen Lage, eine relativ geringe Fluktuation zu haben. Aber Mitarbeiter zu halten, wird immer schwieriger. Vielleicht ist unser Vorteil, dass ein großer Mitbewerber in der Region eine Aktiengesellschaft ist. Dank der Struktur der Brucklacher-Gruppe können wir die Internationalität und die Vorzüge eines Konzerns bieten, aber die drei Unternehmen Boehlerit, Leitz und Bilz selbst sind mittelständisch organisiert.

 

Das ist ein Erfolgsfaktor bei Human Resources?

Melcher: Das denke ich, ja. Ich habe den Eindruck, dass die erfolgreichen Betriebe in unserer Branche größtenteils familiengeführt sind. Natürlich müssen auch wir uns hinsichtlich der Kosten nach der Decke strecken, aber kostengetrieben sind wir nicht. Das längerfristige Denken hilft auch bei der Akquise von Mitarbeitern. Wissen Sie, was der legendäre, leider schon verstorbene Dieter Brucklacher gesagt hat, wenn er nach Umsätzen gefragt wurde? „Wir haben 7.000 Mitarbeiter.“ Das war stets seine erste Antwort. Ich denke, das spricht für sich. Familienbetriebe denken wirklich anders. Und sie sind es auch, die wie wir bei Messen wie der Intertool auftreten.

„Ich habe den Eindruck, dass die erfolgreichen Betriebe in unserer Branche größtenteils familiengeführt sind.“

Auch mit Ihren Lehrlingen?

Melcher: Ja, wir kommen mit unseren Lehrlingen. Ich bin sehr froh, dass es bei der Intertool wieder den Lehrlingstag geben wird. Im Fachbeirat waren ja nicht alle dafür, doch ich halte das für wichtig. Und das Argument, die sammelten ja ohnehin nur Werbegeschenke ein, stimmt einfach nicht. Bei der letzten Intertool in Wien konnte man sehen, dass sich hier viel getan hat: Die Jungen waren gut vorbereitet, haben spannende eigene Projekte mitgebracht. 

 

Sie assoziieren die Mitarbeiter mit Nachhaltigkeit. Der Begriff wird ja meist über die Ökologie verhandelt. Wie definieren Sie denn Nachhaltigkeit?

Melcher: Jedes Unternehmen lebt zunächst von der Ökonomie. Nur, wenn diese Säule solide ist, können Ökologie und Soziales gefördert werden. Wogegen ich mich wirklich wehre, ist Greenwashing. Ich glaube auch, dass sich das letztlich immer rächt. Man darf schon darüber sprechen, wenn man das Richtige tut, aber Marketing ist in meinen Augen ein wenig wie gutes Bier: Es muss in erster Linie schmecken, nur dann darf auch ein bisschen Schaum sein.

„Marketing ist in meinen Augen ein wenig wie gutes Bier: Es muss in erster Linie schmecken, nur dann darf auch ein bisschen Schaum sein.“

Ich nehme an, Sie sprechen nicht von der Photovoltaikanlage auf dem Dach?

Melcher: Nein, Nachhaltigkeit ist viel weitreichender als Mülltrennung, Abfallvermeidung oder das Einsparen von Druckerpapier. Es geht darum, in neue, ökologisch wie ökonomisch intelligente Bereiche vorzudringen.

 

Zum Beispiel?

Melcher: Boehlerit ist etwa in die Agrarwirtschaft eingestiegen. Ebenso in die Lebensmittelindustrie: Wir fertigen mit unserem Hartmetall Mühlen für die Kakao-Herstellung. Für Procter & Gamble liefern wir Hygienewalzen für die Erzeugung von Babywindeln oder Damenbinden, und gemeinsam mit Miba Automation fokussieren wir auf Offshore-Windkrafttürme. Boehlerit ist auch in der Bearbeitung von Eisenbahn-Schienen und im Bereich der E-Mobilität aktiv – hier geht es nicht um Zerspanung, sondern um spanlose Formgebung und Verschleißschutz. Auch die Wasseraufbereitung ist für uns ein großes Thema. 

 

Um ein weiteres Buzzword zu bemühen: Wie stehen Sie denn zum Thema Digitalisierung?

Melcher: Was die Kommunikation betrifft, hat dieser Prozess ja spätestens mit den Handys begonnen – wobei ich den Eindruck habe, dass die Entwicklung für uns als analoge Wesen zum Teil zu weit gegangen ist. Ich persönlich bin hier wieder einige Schritte zurückgegangen, irgendwann wird das auch zur Qual.

Auch bei der Marktkommunikation mussten wir Lehrgeld bezahlen. Eine rein digitale Messe in Italien, an der wir teilgenommen haben, hat sich als absoluter Flop erwiesen. Hybride Elemente werden aber wohl Bestand haben. Im Rahmen der Intertool werden wir etwa die Möglichkeit eines virtuellen Rundgangs durch unsere Produktion mittels VR-Brillen bieten. Absoluten Mehrwert sehe ich in Bereichen wie der Personalsuche: Die Social Media sind hier ausgesprochen hilfreich.

„Im Rahmen der Intertool werden wir die Möglichkeit eines virtuellen Rundgangs durch unsere Produktion mittels VR-Brillen bieten.“

Und in der industriellen Produktion selbst?

Melcher: Ich habe den Eindruck, dass der Mittelstand in Österreich immer noch Berührungsängste mit der Digitalisierung hat. Boehlerit hat in den vergangenen Jahren sehr viel in diesen Bereich investiert. Ein simples Beispiel ist die Vernetzung der Maschinen mit dem ERP-System, aber das ist ja fast schon üblich. Ebenso die Vernetzung der Messdaten innerhalb des Unternehmens. Nun arbeiten wir daran, das über die drei Produktionsstandorte übergreifend zu etablieren. Hier landen wir übrigens wieder beim Thema Mitarbeiter: Die Maschinen sollen ja sieben Tage die Woche laufen, und es wird schwieriger, Menschen für Wochenendschichten zu gewinnen. Die Schnittstelle zum Handy, die dem Mitarbeiter einen Live-Statusbericht nachhause liefert, ist ein enormer Gewinn. Besonders spannend ist in meinen Augen das Thema Retrofit. Wir haben etwa ein Drehbearbeitungszentrum von DMG auf Retrofit-Basis digitalisiert. Und das verknüpft mit Additiver Fertigung von Hartmetall.

 

Was entgegnen Sie dem sattsam bekannten Vorwurf, Digitalisierung diene vor allem dem Mitarbeiterabbau?

Melcher: Das genaue Gegenteil ist der Fall. Digitalisierung hilft uns, den Ausfall von Mitarbeitern zu kompensieren. Die Babyboomer-Generation kommt jetzt in das so genannte Pensionsalter – es sei denn, eine Regierung käme auf die fatale Idee, das Pensionsalter weiter herabzusetzen. Hier laufen wir in ein Problem, das immer noch zu wenig erkannt wird. Denn mit dem Ausscheiden dieser Menschen aus dem Berufsleben geht ja nicht nur Wissen verloren, es geht um die Erhaltung des Systems! Weitere Digitalisierung ist auch unter diesem Gesichtspunkt unausweichlich.

 

Fühlen Sie sich hier ausreichend gefördert?

Melcher: Ich möchte zunächst meinen Hut ziehen vor dem Agieren der Politik zu Beginn der Pandemie. Die Einführung der Kurzarbeit war weltweit die beste Reaktion, hier hat der Staat wirklich hervorragend gehandelt. Da wurden Arbeitsplätze gerettet, auch bei uns.

Was die Digitalisierung betrifft: Bis Mai 2021 wurden entsprechende Projekte in Österreich mit 14 Prozent staatlich gefördert, und das erschien mir sehr gut. Dann bin ich nach Italien gefahren und habe mich gefragt, warum dort wie verrückt Werkzeugmaschinen gekauft wurden. Wissen Sie warum? Der italienische Staat hat das mit 50 Prozent gefördert. Ich denke, da wäre in Österreich wirklich mehr möglich – wir hinken in der Digitalisierung nach. Die 14 Prozent waren schön, aber zu wenig.

Interview: Bernhard Fragner

 

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