10. November 2021

Die Neuerfindung des Rollstuhls

Ein Rollstuhl mit nur einer Achse? Ein oberösterreichischer Tüftler hat das hinbekommen: Elektrisch betrieben, selbstbalancierend, geländegängig. Im „Hoss“ steckt auch Technologie von Weidmüller.

Begonnen hat es mit einer völlig unerwarteten Begegnung. Als sich Lukas Rigler einen Segway zulegte, wollte der gelernte Elektrotechniker nicht nur die innovative Art der Fortbewegung erleben, sondern auch dessen Innenleben studieren. Als er das Fahrzeug später zum Verkauf auf eBay stellte, meldete sich zu seiner Überraschung ein Rollstuhlfahrer bei ihm. Es war die Initialzündung für eines der spannendsten Start-ups der vergangenen Jahre.

Sein Unternehmen gründete Rigler erst einige Jahre danach. Und machte mit Hoss Mobility den Wunsch des damaligen Käufers zu einem Geschäftsmodell: Ein E-Rollstuhl, der wie der Segway mit nur einer Achse auskommt und selbstbalancierend auf die Bewegungen und Gewichtsverlagerungen des Fahrers reagiert.

 

Von Grund auf neu konstruiert

Der „Hoss“ umgeht damit ein bislang ungelöstes Problem herkömmlicher Rollstühle. Während die großen Räder mit unebenem Untergrund gut zurechtkommen, sind Schotter, Wurzeln, Pflastersteine, Straßenbahnschienen oder Sand für die kleinen Vorderräder meist unüberwindlich – sie verkeilen sich, bleiben stecken oder graben sich ein. Größere Vorderräder sind keine Alternative, da sie sofort auf Kosten der Wendigkeit gehen.

Was mit einem Prototyp für den Käufer begann, mündete in zahlreiche adaptierte Segways, bis in Lukas Rigler die Erkenntnis reifte, dass er den Rollstuhl von Beginn an selbst neu konstruieren musste. Seitdem wird das Fahrzeug unter völligem Verzicht auf ein Drittgerät als Basis in Oberösterreich entwickelt und produziert.

 

© Hoss Mobility

Der Hoss wird unter völligem Verzicht auf ein Drittgerät als Basis in Oberösterreich entwickelt und produziert.

Ein dialogfähiger Rollstuhl

Zum Verzicht auf Vorgefertigtes trat eine weitere grundlegende Entscheidung: Der Hoss war von Stunde Null als hochwertiges Produkt konzipiert. Hinsichtlich der verbauten Materialien und Komponenten, aber auch der Funktionalität. So gelangen etwa Updates der Steuerung über ein immer aktives GSM-Modul in den Rollstuhl. Da sämtliche Nutzungsdaten gespeichert werden, können bei Problemen Logfiles eingesehen werden, die wesentlich genauere Analysen liefern als die subjektiven Angaben des Fahrers.

Eine eigene App ermöglicht das Steuern von Parametern wie Höchstgeschwindigkeit oder Empfindlichkeit der Joystick-Lenkung.

© Wolfgang R. Fürst

Es war vor allem der Wunsch, die Elektronik möglichst platzsparend zu entwerfen, die den Hoss-Entwickler schließlich zum „Omnimate 4.0“ von Weidmüller greifen ließ.

Permanente Analyse des Fahrverhaltens

In der Ruhestellung wird der Hoss durch mechanische Stützen stabilisiert. Geht der Rollstuhl in die Balance über, analysieren redundante Gyro- und Beschleunigungssensoren das Verhalten des Fahrers – mehrere hundert Mal in der Sekunde.

Besondere Sorgfalt legten die Entwickler auf die Sicherheit: Das Balancesystem des Hoss wird permanent von einem komplett entkoppelten System überwacht. Tritt hier ein Problem auf, werden binnen Sekundenbruchteilen Stützen ausgefahren und der Rollstuhl zum Stehen gebracht.

 

Augenmerk auf die Details

Die verbauten Elektromotoren und Prozessoren sind also stark gefordert. Regelung und Leistungselektronik sind der Kern des Hoss – und genau darin sieht Lukas Rigler auch eine gewisse Gefahr: Die zahlreichen Details – „jedes eine Wissenschaft für sich“ – würden schnell übersehen. Die Steckverbinder etwa: „Stecker sind Stecker, die verschraubt man, und dann halten sie. Punkt.“

Eine Einstellung, die teuer werden kann. „Ein Stecker im Wert von 40 Cent kann eine Rückholaktion auslösen, die ein junges Unternehmen gefährden kann“, sagt Rigler. Also hat er sich auch diesem Detail zugewandt.

 

Weniger Platzbedarf, mehr Zeit

Es war vor allem der Wunsch, die Elektronik möglichst platzsparend zu entwerfen, die den Hoss-Entwickler schließlich zum „Omnimate 4.0“ von Weidmüller greifen ließ. Da dessen Polanzahl individuell und modular konfiguriert werden kann, müssen nicht zwölf Stecker verbaut werden, wo nur acht vonnöten sind.

© Hoss Mobility

In der Ruhestellung wird der Hoss durch mechanische Stützen stabilisiert. Geht der Rollstuhl in die Balance über, analysieren redundante Gyro- und Beschleunigungssensoren das Verhalten des Fahrers – mehrere hundert Mal in der Sekunde.

Die Drähte können dank des Snapin-Anschlusses ohne Aderendhülse schnell, sicher und werkzeuglos verdrahtet werden, wobei ein optisches und ein akustisches Signal die erfolgreiche Kontaktierung bestätigen. Da es sich um einen Stecker und keine Leiterplattenklemme handelt, entfällt das Verschrauben auf der Platine: Der Stecker kann verdrahtet und dann mit der auf der Leiterplatte befindlichen Stiftleiste kontaktiert werden.

Für Lukas Rigler bedeutet der Einsatz des Omnimate auch Zeitersparnis. „Bei einem zehnpoligen Stecker sind wir in der Montage mit Sicherheit um zehn Minuten schneller.“

 

Auf Augenhöhe

Was in seinen Augen ebenfalls für die Kooperation mit Weidmüller spricht: „Wir bauen ein Nischenprodukt“, sagt Rigler, „unsere Bestellmengen sind klein. Trotzdem wollen wir von unseren Lieferanten ernstgenommen werden. Auch, was die Preisgestaltung anbelangt.“

Die Bestellmengen könnten in der nächsten Zeit allerdings steigen. Der erste Hoss kam Ende 2020 auf den Markt. Alleine in diesem Jahr sollen mindestens 100 Stück an Kunden ausgeliefert werden.

Bernhard Fragner

Im Video: Warum sich Hoss Mobility für Weidmüller entschieden hat