29.11.2021

Wie Lenze bei der Automatisierung landete

Lenze hat sich vom klassischen Antriebstechniker zum Anbieter von Komplettlösungen entwickelt. Warum das unausweichlich war, erklärt Andreas Spicker, Marketingleiter Österreich. Und auch, was das mit Marathonlauf, Johann Nestroy und dem Geschehen im Orchestergraben zu tun hat.

Herr Spicker, Sie haben den Begriff „Serienreife“ aus Ihrer Kommunikation verbannt. Für ein Unternehmen aus der Antriebstechnik scheint das eher ungewöhnlich.

Andreas Spicker: Aber es ist konsequent. Lenze sieht sich nicht als Anbieter, sondern als Partner und Begleiter – über die Serienreife hinaus. Wenn das Ziel lautet, Kunden lebenslang zu begleiten, hat „Serienreife“ keinen Platz mehr. Wir haben aufgehört, in Produkten zu denken. Und ein solcher Perspektivwechsel bedingt auch einen Wechsel der Begrifflichkeiten. Es ist ein wenig wie beim Marathon.

 

Das müssen Sie mir erklären.

Spicker: Ein Freund, der für den Marathon trainiert, hat mir erzählt, dass die Profis die Ziellinie ein paar Meter hinter dem tatsächlichen Ziel visualisieren. So vermeiden sie, auf den letzten Metern nachzulassen. Ich finde dieses Bild äußerst inspirierend.

 

Die Abkehr vom Produkt-Denken ist Teil Ihres Weges zur Automatisierung? Dass Lenze Aussteller bei der Smart in Linz war, hat manche doch überrascht.

Spicker: Ja, diese Reaktion kenne ich, aber sie wird seltener. Unser Weg in die Automatisierung hat im Grunde schon Mitte der 1990er-Jahre mit den „intelligenten Antrieben“ begonnen. Spätestens ab 1998 war klar, dass auf diesem Gebiet etwas Großes entsteht. Und wir haben gesehen, dass unser Weg zwingend von der klassischen Antriebstechnik zur Automation führen muss. Vor allem, weil wir unseren Kunden zugehört haben.

 

Ihre Kunden kennen diese Entwicklung?

Spicker: Wie gesagt: Bei manchen Maschinenbauern gibt es einen gewissen Aha-Effekt, weil dieses Lösungsangebot noch nicht wahrgenommen wurde. Doch das Wissen um diese Kernkompetenz gewinnt an Boden. Ich denke, dass uns hier auch unsere Historie hilft: Lenze feiert im kommenden Jahr 75. Geburtstag, Lenze Österreich wurde heuer auch bereits 50. Wer ein dreiviertel Jahrhundert lang bewiesen hat, dass er das Maurer-Handwerk beherrscht, dem wird auch eher zugetraut, ein guter Architekt zu sein. Ich würde auch als Orchestermusiker keinem Dirigenten vertrauen, der nicht zumindest ein Instrument beherrscht.

 

Und wie hört man auf, in Produkten zu denken, ohne die Produkte zu vernachlässigen?

Spicker: Indem man eine neue Ebene hinzufügt, die logisch auf den anderen basiert. Die klassische Antriebslösung – also die Bewegung – ist unser Fundament. Die zweite Ebene ist die Leitung beziehungsweise das Steuern dieser Bewegung. Ab dem Jahr 2000 hat Lenze den Weg in die dritte Ebene beschritten: das Erkennen, das Erfassen und der Einsatz von Daten.

Zur Person

Andreas Spicker ist Head of Marketing Communications EMEA EAST bei Lenze Austria. Der studierte Tourismus-Marketer und erfahrene Key-Accounter ist seit 2019 für Lenze tätig.

 

© Lenze

Sie haben die Hardware mit Software angereichert?

Spicker: Nein, es geht um viel mehr. Es geht um Brainware – also um das Domänen-Wissen in den Köpfen unserer Mitarbeiter. Und es geht darum, vom Mehrwert für den Kunden auszugehen. Wer heute immer noch glaubt, es gehe um Hardware und um Software, der ist schon abgehängt. Uns geht es eben nicht mehr darum, ob ein Problem mechanischer oder digitaler Natur ist.

 

Sie beschreiben eine Entwicklung, die wohl auch einen Kulturwandel bedingt. Und der ist ja meist kein Spaziergang. Ändern sich die Anforderungen an Ihre Mitarbeiter?

Spicker: Wissen Sie, wie Johann Nestroy Genialität definiert hat?

 

Sarkastisch, vermute ich.

Spicker: „Sehr viel, aber nichts gründlich g’lernt. Darin besteht Genialität.“ Das ist natürlich Polemik, aber unsere Mitarbeiter müssen tatsächlich ein bisschen von allem können. Wir wollen unseren Kunden ja nicht einfach nur einen Produktfolder in die Hand drücken. Daher erwarten wir etwa von den Vertriebsmitarbeitern, dass sie in der Lage sind – und sich auch trauen –, vor dem Kunden mit Papier und Bleistift so lange zu rechnen, bis das Problem gelöst ist. Sie müssen tatsächlich Generalisten sein. Erst, wenn es wirklich in die Tiefe geht, übernimmt ein Ingenieur, ein Applikateur. 

 

Und da können Sie alle Mitarbeiter mitnehmen?

Spicker: Manche sind in spezifischen technischen Bereichen absolute Perfektionisten. Andere sind auf modernere Bereiche spezialisiert, denken Sie etwa an Cloud Computing. Zu entscheiden, wer in welchem Bereich die erste Geige spielt oder vielleicht die dritte, das ist eine Kunst, die unsere Geschäftsführer und Gruppenleiter perfektioniert haben. Und wie Sie wissen, hat auch die dritte Geige im Orchester eine fundamentale Bedeutung.

 

Alles völlig problemlos? Das glaube ich nicht ganz.

Spicker: Natürlich ist das harte Arbeit. Auch, weil die Entwicklung so rasant ist. Ich habe noch eine Zeit erlebt, in der Digitalität etwa in unserem Marketing nicht einmal die vierte Geige gespielt hat. Heute haben wir VR-Schulungen, ein System, das Mitarbeiter daran hindert, etwas falsch zusammenzubauen, und zahllose andere digitale Tools. Hier hat sich eine unbändige Kraft entwickelt, und das schlägt sich natürlich auch bei den Mitarbeitern nieder. Die wachsen mit uns, mit dem Unternehmen. Und wer weniger schnell wachsen kann als andere, hat deshalb ja noch lange nicht weniger Qualität!

 

Angesichts der anhaltenden Klagen über Fachkräftemangel: Bekommen Sie genug Mitarbeiter?

Spicker: Speziell in Österreich hat Lenze sehr gute Verbindung zu den HTLs und den Fachhochschulen. Hier beteiligen wir uns auch an zahlreichen Forschungsprojekten – von der klassischen Lagersystematik bis hin zu VR- und AR-Projekten oder auch Forschung zu Exoskeletten. Die Sorge, dass uns der Nachwuchs ausgeht, habe ich also tatsächlich nicht.

Das Gespräch führte Bernhard Fragner