Lehrmeister Corona?

Die Pandemie ist noch nicht vorbei. Doch immer mehr Unternehmen verspüren inzwischen Aufwind. Und sie fragen sich: War die Covid-Krise am Ende gar für die eine oder andere lange aufgeschobene Neuerung gut?

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Bei DMG Mori will man ab Jänner 2021 über die ganze Lieferkette CO2-neutral werden. 

Als Österreich im Frühjahr in den ersten Lockdown ging, schien die Welt für einen Moment still zu stehen. Das findet jedenfalls Gerald Kastner. „Inzwischen läuft bei uns das Geschäft aber wieder“, sagt der Geschäftsführer von Bystronic Austria. Und er steht mit seiner optimistischen Sichtweise nicht allein da. 

Produktionen werden wieder hochgefahren

„Den zweiten Lockdown haben wir kaum noch gespürt“, bestätigt etwa Gerhard Melcher, Vertriebsleiter Zerspannung bei Boehlerit. Nach einem dramatischen Einbruch im Frühjahr fährt das Unternehmen seit August wieder Zuwächse ein. Im Oktober und November lagen sie bereits im zweistelligen Bereich. Das sei nicht nur für Boehlerit ein gutes Zeichen, sondern für die gesamte produzierende Industrie, meint Melcher. Denn schließlich stelle man Verbrauchsteile her. Werden sie verstärkt nachgefragt, lässt sich daraus ablesen, dass viele Unternehmen ihre Produktion hochfahren.

Christian Knill, CEO der Knill Energy Holding und Obmann des Fachverbands metalltechnische Industrie FMI, zeigt sich indessen noch etwas zurückhaltend. Eine Blitzumfrage des FMI Anfang November, sagt er, habe aber immerhin gezeigt, dass die Branche für 2021 zumindest eine Stabilisierung erwartet. Positiv stimme überdies, dass rund 90 Prozent der befragten Unternehmen im kommenden Jahr die Investitionsprämie der Regierung entweder in Anspruch nehmen wollen oder darüber nachdenken.

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Bei Boehlerit stellt man Verbrauchsteile her. Werden sie verstärkt nachgefragt, lässt das einen Rückschluss auf ein Hochfahren der Produktionen zu. 

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Farnady ist überzeugt, dass Notfallpläne in Zukunft massiv an Bedeutung gewinnen werden. 

Notfallpläne für die Zukunft

Und auch ein anderer Punkt deutet auf eine allmähliche Trendwende hin. Nach dem Schock der ersten Corona-Zeit beginnen Vorstände und Geschäftsführer nun nachzudenken, was sie an Erfahrungen aus der gegenwärtigen Krise für die Zukunft mitnehmen können.

Unter anderem die Erkenntnis, dass Notfallpläne in Zukunft massiv an Bedeutung gewinnen werden, urteilt Wolfgang Farnady, Managing Director Zeiss Industrial Quality Solutions Austria/Hungary.  Bislang hat die Branche das Thema ja nicht unbedingt zu ihren absoluten Prioritäten gezählt. „Umso mehr sollten sich Unternehmen schon jetzt auf weitere mögliche Einschläge vorbereiten: die Folgen des Klimawandels zum Beispiel oder eine längere Unterbrechungen der Energie- bzw. Rohstoffversorgung“, sagt Farnady. 

Die Luftfahrtindustrie macht’s vor

Orientieren könnte man sich dabei an der Luftfahrt, in der alle überlebensnotwendigen Systeme mehrfach abgesichert sind und in der gefährliche Szenarien immer wieder gedanklich vorweggenommen werden: „Möglicherweise wird zum Beispiel in die Beurteilung von Lieferanten noch stärker als bisher der Aspekt der Zuverlässigkeit einfließen. Vielleicht wird es dann schon ein wichtiges Kriterium sein, ob ein Lieferant einen Notstromaggregat im Keller stehen hat oder nicht.“

Dass die Corona-Krise Unternehmen dazu zwingt, bislang unhinterfragte Strukturen auf ihre Krisentauglichkeit zu überprüfen, bestätigt auch Gerald Kastner von Bystronic. Bisher sei das aus einem ziemlich nachvollziehbaren Grund nicht passiert: „Solange alles einigermaßen normal läuft, verzichtet man gern auf Änderungen, im Glauben, dass es schon so passt, wie es ist.“ 

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Inzwischen läuft auch das Geschäft bei Bystronic wieder, bestätigt Kastner.  

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Face-to-Face-Gespräche bleiben unersetzbar, davon ist Melcher überzeugt. 

Weniger Dienstreisen?

So kalt wie im Frühjahr werden Unternehmen von der nächsten Krise zumindest bei ihrer Fähigkeit, virtuell zu kommunizieren nicht mehr erwischt. Denn das Gefallen, das die Branche daran, gefunden hat, ist groß. „Gerade für Unternehmen, die international agieren, ist die Möglichkeit, virtuelle Meetings abzuhalten ein Riesenvorteil. Achtzig Prozent der Dinge lassen sich auch gut auf diesem Weg erledigen“, fasst Gerhard Melcher von Boehlerit seine diesbezüglichen Erfahrungen zusammen. Er betont allerdings auch, dass, sobald neue, komplizierte Themen aufkommen, das Face-to-Face-Gespräch unersetzbar bleibt. 

Coronakrise hat Digitalisierungsschub gebracht

Anders als manche seiner Kollegen ist Melcher auch nicht der Ansicht, dass nach dem Ende der Pandemie weniger gereist werden wird als davor. Während zum Beispiel Christian Knill für sein Unternehmen von einer dauerhaften Reduktion der Dienstreisen um 25 bis 30 Prozent ausgeht, weil man gelernt habe, manches, das früher persönlich erledigt wurde, online abzuwickeln, sagt Melcher: „Ich glaube nicht, dass wir nach Corona essentiell weniger unterwegs werden. Denn Dienstreisen, Reisen zum Kunden sind letzten Endes sehr oft nicht nur Service, Beratung und Verkauf, sondern können auch mit der Werbung verglichen werden. Und bei der Werbung weiß man zwar, dass fünfzig Prozent davon eigentlich verzichtbar wären, jedoch nicht, welche fünfzig Prozent es sind.“

Den Digitalisierungsschub, den Corona gebracht hat, lediglich auf die Kommunikation oder das oft zitierte Homeoffice zu reduzieren, wäre allerdings ohnehin zu kurz gegriffen. Als Folge der Krise beschäftigt sich die in diesem Punkt bislang eher zurückhaltende Maschinenbaubranche nun zum Beispiel auch verstärkt mit Konzepten wie Webshops oder Konfiguratoren, über die Kunden Maschinen und Werkzeuge digital bestellen und anpassen können.

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Knill geht von einer dauerhaften Reduktion der Dienstreisen aus.  

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Piber freut sich, dass die Kunden von DMG Mori aktiv nach digitalen Lösungen fragen.  

Kunden werden digital

Doch nicht nur das. Vielfach geht man selbst in jenen Bereichen neue Wege, die vor Kurzem noch als absolut un-digitalisierbar galten: „Wir haben inzwischen sogar Maschinenabnahmen virtuell durchgeführt, etwas wofür die Kunden bislang immer persönlich gekommen sind“, erzählt Christian Knill. „Es hat sehr gut funktioniert. Die Alternative wäre gewesen, dass die Betroffenen vor der Abnahme vierzehn Tage in Quarantäne gehen und danach, wenn sie in ihr Heimatland zurückkommen, wieder.“

Auch für Markus Piber, Bereichsvorstand Vertrieb, Service und Technologieexzellenz bei DMG MORI, ist Corona, was Kundenverhalten betrifft, eine regelrechte Zäsur: „Wir haben nun deutlich mehr Kunden, die von sich aus auf uns zugehen und nach digitalen Lösungen, nach Automatisierungsmöglichkeiten und Prozessoptimierung fragen. Was den europäischen Markt betrifft, hat sich die Zahl solcher Anfragen im Vergleich zur Zeit vor Corona sicher verdoppelt“, erklärt er.

Nachwirkungen der Pandemie

Doch Piber nennt auch einen anderen Bereich, der durch die Krise wieder verstärkt in den Fokus der Branche gerückt ist: Der Schock der Pandemie hat viele Kunden dazu gebracht, noch stärker als bislang über den eigenen ökologischen Abdruck und den ihrer Lieferanten nachzudenken. Weshalb DMG Mori ab Jänner 2021 komplett CO2-neutral werden will, über die ganze Lieferkette von den Rohstoffen bis zur Auslieferung.