12.05.2021

10 Jahre Industrie 4.0: Ist das wirklich ein Grund zu feiern?

2011 wurde die "vierte industrielle Revolution" in Hannover öffentlich gemacht. Was ist seitdem passiert? Acht Thesen, die Sie so noch nicht kannten.

Andreas Syska, Professor für Produktion am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften, gibt in seinem Buch „Unsere Arbeit. Unsere Wirtschaft. Unser Leben." Denkanstöße zu Industrie 4.0 und dem digitalen Wandel. Und er sagt, das Thema sei gar nicht so revolutionär, immerhin werden Produktion, Wirtschaft und unser aller Alltag digitalisiert, seit es Computer gibt. Demnach findet die digitale Revolution seit mehr als 70 Jahren statt. Das digitale Zeitalter ist also schon lange angebrochen, die industrielle Transformation sogar bereits ab der Hälfte des 18. Jahrhunderts. „Viele sagen, diese Geräte seien intelligent“, schreibt Syska und ergänzt „Ob das schnelle Verarbeiten von Bits und Bytes ein Ausweis von Intelligenz ist – darüber kann man streiten.“

These 1: Was sich hinter dem Schlagwort Industrie 4.0 verbirgt

So manche Maschinen- und Anlagenbauer schrecken zurück, wenn es um die digitale Transformation geht, anderen kann es gar nicht schnell genug gehen. Was steckt aber hinter dem Begriff „Industrie 4.0“? Zusammenfassend lässt sich sagen: Daten. Es ist das webbasierte, intelligente Vernetzen von technischen Geräten. Datenbasierte Geschäftsmodelle sind die Zukunft. Eine These, die es zu hinterfragen gilt. Spätestens beim Thema Kommunikationsschnittstellen verstricken sich Lean Manager und IT-Manager in endlosen Diskussionen. Ein Teufelskreis? Nein, der deutsche VDMA und VDW haben gemeinsam mit der OPC Foundation ein Machine-to-Machine (M2M) Kommunikationsprotokoll etabliert: OPC UA. Es gilt als die Weltsprache der Produktion. Für den Datenaustausch vernetzter Geräte in der Industrie hat sich OPC UA zum Standard gewandelt. Wer wird aber den dabei entstehenden Datenmengen noch Herr?

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Datenbasierte Geschäftsmodelle sind die Zukunft.

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Data Scientists und Softwareentwickler sind heiß begehrt.

These 2: Welche Berufe jetzt heiß begehrt sind

Das Stichwort Big Data bringt neue Jobprofile im Maschinenbau hervor. Genügte es vor etwa zehn Jahren noch ein Internet- und Kommunikationstechniker (kurz: IKT) zu sein, so wird daraus heute ein Data Scientist oder Softwareentwickler. Um sie ist in den letzten Jahren ein regelrechter Boom entstanden. Die Wirtschaft kann die Nachfrage aber eigentlich nicht abdecken, es herrscht Fachkräftemangel rund um das Internet der Dinge. Angehende Data Scientists können gar nicht schnell genug und in der benötigten Anzahl die Studiengänge der Universitäten und Fachhochschulen absolvieren.

These 3: Wovor sich ältere Generationen fürchten

Ist einmal das Daten-, Kommunikations- und Schnittstellenthema geklärt, bleibt aber dennoch ein Unsicherheitsfaktor: Der Mensch. Er ist nämlich aus der Produktion nicht wegzudenken, wenngleich die Profiteure des Internet of Things (IoT) uns das prophezeien. Im Grunde genommen kommunizieren technische Geräte untereinander, so wie es Menschen auch tun. Nur eben effizienter und schneller. Mitarbeiter fürchten um ihre Jobs, ihre Aufgaben werden weniger oder einfach digitalisiert. Insbesondere so manch ältere Generation trifft das hart, sie hat Sorge um die berufliche Zukunft.

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Mitarbeiter sind aus dem Unternehmen nicht wegzudenken, wenngleich Digitalisierer das prophezeien.

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Andreas Syska schreibt: „Es ist ein System, in dem wenige Menschen Maschinen programmieren, die dann vielen Menschen sagen, was sie tun sollen.“

These 4: Welche Rolle die Mitarbeiter noch spielen

Kollege Roboter? Jein, die Digitalisierung soll Mitarbeitern das Arbeitsleben erleichtern, zum Beispiel den Arbeitsplatz ergonomisch anpassen. Die Rolle des Mitarbeiters wird auf das Wesentliche reduziert: Instandhaltung und Materialbereitstellung. Und selbst letzteres könnte von fahrerlosen Transportsystemen (FTS) übernommen werden. Syska schreibt dazu „Es ist ein System, in dem wenige Menschen Maschinen programmieren, die dann vielen Menschen sagen, was sie tun sollen.“ Das System hat sich allerdings gerade in der Corona-Pandemie bewährt. Produktionsprozesse konnten aus dem Home Office gesteuert werden. Vor Ort waren hingegen nur wenige Mitarbeiter anwesend, um die Anlagen zu warten oder für einen reibungslosen Betrieb zu sorgen. Covid-19 hat bekanntlich der Digitalisierung einen ordentlichen Drive gegeben.

These 5: Warum die smarte Produktion als der heilige Gral gilt

Eine Produktion, die keine „Smart Factory“ ist? Ist dem Untergang geweiht. Sämtliche Maschinen und Anlagen, Werkzeuge und Prozesse müssen intelligent miteinander vernetzt sein. Der Mensch? Lehnt sich entspannt zurück und beobachtet das Treiben in den smarten Fabrikhallen. Der Traum vieler? Nein, denn ausgerechnet der produzierende Mittelstand sollte ursprünglich von der Digitalisierung profitieren. Syska bezieht dazu Stellung: „Das liegt aber nicht an deren vermeintlicher Schläfrigkeit, wie von den Treibern von Industrie 4.0 gerne kolportiert wird, sondern an der mangelnden Qualität des Angebotenen.“ Man habe in der Kommunikation versagt, die Vision und die Antwort auf die Frage „Warum“ fehle.

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Ist eine Produktion, die keine Smart Factory ist, überhaupt effizient?

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Florian König ist Niederlassungsleiter bei Mazak Österreich. 

These 6: Welche Machtposition Digitalisierer einnehmen

Getriggert werden Mittelständler mit Aussagen, dass sie im Vergleich zum Wettbewerb das Nachsehen hätten, würden sie dem Trend der Digitalisierung nicht folgen. Zurecht? Florian König, Niederlassungsleiter von Mazak Österreich, sieht das anders. Als Hersteller seien sie gefordert, „Digitalisierungsprojekte vor allem den kleinen Betrieben einfacher und annehmbarer zu machen“, wie er im Interview verrät. Eine Smart Factory installiert man (noch) nicht mittels Plug & Play im Unternehmen, es ist ein „langwieriges und komplexes Vorhaben“, so König weiter. Die Vielzahl an digitalen Technologien verunsichert Kunden, gleichzeitig steigt die Komplexität.

These 7: Welche Innovationen wirklich disruptiv sind

Subventionsförderungen und Leuchtturmprojekte werden öffentlichkeitswirksam präsentiert. Die große Disruption war allerdings noch nicht dabei. Oder etwa doch? Nutzungsbasierte Finanzierungsmodelle wie etwa Pay-per-Part und Pay-per-Use nehmen gerade an Fahrt auf. Aber auch die Additive Fertigung lässt immer wieder aufhorchen. Werkzeugmaschinenhersteller, Start-ups und mittelständische Unternehmen beschäftigen sich zunehmend mit einer datenbasierten Maschinenfinanzierung oder dem 3D-Druck. In der Realität sind es jedoch meist die Technologieriesen, die ihre Werkshallen eindrucksvoll digitalisieren, allerdings bei der Datenanbindung an externe Partner zögern. Diese werden eher aufgekauft, in das eigene Unternehmen integriert. Der Innovationscharakter geht dabei jedoch meist verloren. Die bahnbrechende technologische Innovation findet wieder hinter verschlossenen Türen statt. Echte Vernetzung in der Industrie sieht anders aus.

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Die Additive Fertigung stellt ganz klar eine Disruption dar. Sie ist in den Unternehmen angekommen und bahnt sich ihren Weg in die Industrialisierung. 

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Andreas Syska zweifelt daran, ob "das schnelle Verarbeiten von Bits und Bytes ein Ausweis von Intelligenz ist."

These 8: Welche Rolle die Nachhaltigkeit spielt

Die Frage, die bleibt: Wie kann es funktionieren? Die Antwort darauf hat wohl niemand. Mit der Fachmesse Intertool wagt Veranstalter Reed Exhibitions einen Blick in die Zukunft und greift die Themen Nachhaltigkeit und ressourcenschonende Fertigung auf. Ist das die fünfte industrielle Revolution? Ja, wenn es nach den Experten des Fraunhofer Instituts geht. Die Biologische Transformation gilt als der grüne Neustart der Industrie. Im Fokus stehen dabei eine flexible, resiliente Produktion, vernetzte und dezentrale Fertigungshubs und nachwachsende Rohstoffe. Möglich machen soll das die Künstliche Intelligenz (KI oder Artificial Intelligence, AI). Die Grundlage der KI sind, wie könnte es anders sein, Daten. Syska fasst es in seinem Buch zusammen: „Statt den Menschen zu sagen, was sie zu leisten haben, damit die Digitalisierung funktioniert, muss man der Digitalisierung sagen, was sie zu leisten hat, damit sie den Menschen nützt.“

Buch: „Unsere Arbeit. Unsere Wirtschaft. Unser Leben." - Andreas Syskea, 2020, ISBN/GTIN 978-3-7526-8912-9

 

Text von Jasmin Ladinig, Head of Content & PR Management